Wirtschaftsgrundlage

LANDWIRTSCHAFTLICHE NUTZUNGSMÖGLICHKEIT:

Die Gesamtgröße der Insel Sylt beträgt zur Zeit etwa 93 qkm.

Die Insel ist in ihrer langgestreckten schmalen Form und durch ihre Nord-Süd-Lage an ihrem Westufer in einer Länge von ca. 38 km der Hauptangriffsrichtung einer starken Brandung ausgesetzt. Die Bodenfläche ist durch Sturmfluten, Abbrüche und Dünenwanderungen durch Jahrhunderte einer fortgesetzten Abnahme und Verringerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche unterworfen.

Beispiel:
Von 1231 bis 1849 verringerte sich die landwirtschaftliche Nährfläche um 4/5 !

Die noch verbliebene Nutzfläche ist klein. Fast 45 v. H. des Bodens sind Ödland und Unland. Davon entfallen ca. 95 v. H. auf den vorwiegend mit Dünen bedeckten Nord-Süd-Teil mit den heutigen Bädergemeinden List, Kampen, Wenningstedt, Westerland, Rantum und Hörnum.

Die relativ wenigen landwirtschaftlich nutzbaren Flächen liegen vor allem im Ostteil der Insel mit den Gemeinden Morsum, Archsum, Keitum, Tinnum und Braderup. Es handelt sich bei diesen Flächen vorwiegend um Heide und Ackerland. Am Wattenmeer zieht sich ein schmaler Streifen Marschland entlang, stellenweise stark sandhaltig oder mit Sand- und Kiesablagerungen überdeckt.

Die Ertragsfähigkeit des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens wird in starkem Maße durch die Einwirkungen des Seewindes, durch den hohen Salzgehalt der Luft, sowie durch Sandflug beeinträchtigt. Die vorhandene Nutzfläche ist deshalb außerdem ertragsarm und die landwirtschaftliche Erzeugungskraft der Insel dadurch minimal. Die Erzeugnisse der Landwirtschaftlichen Betriebe dienen überwiegend dem Eigenverbrauch, nur wenige Betriebe verzeichnen kleine Überschüsse. Der Anteil der bäuerlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung der Insel beträgt heute weniger als 10 v. H. Nach der Beschaffenheit des Bodens hat dieser Bevölkerungsteil seinen Wohnsitz vorwiegend im Ostteil der Insel. Grö8eren Schwankungen war die Bevölkerungsdichte hier – mit Ausnahme der Zeit nach dem letzten Kriege – seit über 300 Jahren kaum unterworfen.

Im Gegensatz dazu war der Nord-Süd-Teil mit den heutigen Bädergemeinden bis zur Gründung von Seebädern um 1850 verhältnismäßig menschenleer. Heute jedoch beherbergt dieser landwirtschaftlich kaum nutzbare Teil der Insel etwa 82 v. H. der Gesamtbevölkerung.

Die begrenzte landwirtschaftliche Nutzungsmöglichkeit der Insel bietet damit dem Großteil der Bevölkerung keine Existenzgrundlage.



MÖGLICHKEITEN EINER FISCHEREIWIRTSCHAFT:

In Ermangelung ausreichender landwirtschaftlicher Nutzflächen waren Handel und Seefahrt schon vor Jahrhunderten der wichtigste Erwerbszweig der Inselbewohner.

Im 13. Jahrhundert beteiligten sich die Inselbewohner zahlreich an dem damals aufblühenden Schellfisch- und Heringsfang. Aber auch dieser Erwerb führte zu keinem besonderen Wohlstand. Eine überaus starke Beteiligung fand später der Walfang in der Arktis, so da8 am Ende des 17. Jahrhunderts fast alle gesunden Männer der Insel in der arktischen Fischerei tätig waren. Erst dieser Walfang brachte der Insel einen bis dahin unbekannten Wohlstand. Unter den Auswirkungen des Krieges im Spanischen Erbfolgestreit zogen sich die Inselbewohner von der arktischen Fischerei zurück und wechselten zur Handelsseefahrt über. Mit der Gründung von Seebädern ging die Beteiligung an der Seefahrt ständig weiter zurück.

Bot schon vor Jahrhunderten eine Fischereiwirtschaft der damaligen Bevölkerung keine ausreichende Existenz, so scheiterten sowohl nach dem 1. als auch nach dem 2. Weltkrieg alle Versuche, einer stark vermehrten Bevölkerung durch den Aufbau einer Fischereiwirtschaft Existenzmöglichkeiten zu schaffen, unter erheblichen Opfern an privaten und öffentlichen Mitteln. Dieses Scheitern war bedingt durch die Verkehrsferne zu den großen Absatzgebieten, die hohen Frachtkosten und das Fehlen von Strassen zur Insel, die diese Kosten hätten vermindern können.

Der Aufbau einer Fischereiwirtschaft auf der Insel Sylt, muss daher nach den vergeblichen Versuchen als gescheitert angesehen werden, da diese mit den großen Fischereihäfen niemals konkurrieren kann.



MÖGLICHKEITEN EINER INDUSTRIE-ANSIEDLUNG:

Trotz unzureichender landwirtschaftlicher Nutzflächen, trotz unzureichender Möglichkeiten für eine Fischereiwirtschaft und trotz schwerster Krisenjahre in der Fremdenverkehrswirtschaft wurden Versuche einer Industrieansiedlung in größerem Umfange erstmalig nach dem letzten Kriege unter dem starken Bevölkerungsüberdruck unternommen.

Diese unter Einsatz erheblicher öffentlicher Mittel unternommenen Versuche zum Aufbau arbeitsintensiver Industrien (Holzverarbeitung, Bekleidungsindustrie, Kunstblumenindustrie, Eisenverarbeitende Industrie pp.) scheiterten – wie zu erwarten – nahezu restlos an den großen Entfernungen von den Roh- und Betriebsstoffbasen, von den Absatzgebieten und an den Frachten für Rohmaterialien und Fertigwaren. Die Lebensdauer dieser Industrien betrug teilweise weniger als 1 Jahr. Nur noch einige wenige, von den genannten Faktoren weniger abhängig, sind auf der Insel verblieben.

Auch diese wenigen noch vorhandenen Industriezweige bieten nur äußerst geringe Existenz- und Arbeitsmöglichkeiten für die Inselbevölkerung.



AB- UND AUSWANDERUNG WEGEN UNZUREICHENDER EXISTENZMÖGLICHKEITEN:

Durch Jahrhunderte erfolgt eine ständige Ab- und Auswanderung von Teilen der Inselbevölkerung. Im 17. und 18. Jahrhundert ließen sich zahlreiche Sylter Kapitäne in den grö8eren europäischen Häfen und Handelszentren nieder. Eine stärkere Auswanderung – vornehmlich nach Übersee – erfolgte im Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Zahl der Auswanderer stieg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auch weiterhin an. Erst und nur die Gründung von Seebädern verhinderte, dass die überseeische Auswanderung von Sylt in der Folgezeit ein überdurchschnittliches Ausma8 annahm. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges war dann im wesentlichen nur eine Verschiebung der Bevölkerungszahlen unter den Inseldörfern zugunsten der entstandenen Badeorte zu verzeichnen. Nach dem 1. Weltkrieg stiegen die Zahlen der Ab- und Auswanderer erneut an. Das gleiche ist heute der Fall.



ERRICHTUNG VON SEEBÄDERN AUF DER INSEL SYLT:

Eine Beschreibung über das Dorf Rantum in der Nähe Westerlands aus dem Jahre 1709 zeigt mit einfachen Worten die vorstehend dargelegten Schwierigkeiten der Inselbevölkerung auf. Es heißt dort:

"Das Dorf stehet an der Seekant in den Sanddünen, ist gar schlecht und in einem miserablen Zustand, können nicht lange auf einen Ort wohnen wegen des Sandes, haben zu unterschiedlichen Malen ihre Häuser abbrechen und andere schlechter aufbauen müssen,... wenn die - Seefahrt ihnen nicht geglücket, haben sie nichts, sondern sind gleich ruinieret... zudem ziehen hier von dannen jährlich die etwas Vorraths haben und setzen sich anderwerts nieder zu wohnen, weil hier nichts zu erlangen, wenn der Fischfang abgehet, welcher Fischfang denn gar ungewiß und auch sehr gefährlich und müheselig ist, so haben sie hier nichts und gar keine Nahrung für ihre Leute, vor Kinder und vor Vieh..."

Von dem Ort Westerland heißt es dort:

"Unser Ackerland ist mit Sand überlaufen... die Fischerey ist gantz ungewiß... unserer Unterthanen Nahrung besteht bloß und allein aus der Seefahrt, wenn solche wohl geglücket..."

Die Errichtung eines Seebades – Westerland – im Jahre 1855 durch den Altonaer Arzt Dr. Roß bedeutet auf Grund der vorliegenden Verhältnisse neben der volksgesundheitlichen Seite eine folgerichtige Wirtschaftsplanung.

Alle Faktoren, die hier weder eine Landwirtschaft, eine Fischerei oder eine Industrie in größerem Umfange zulassen, die weit ins Meer vorgeschobene Lage der Insel, die Bodenbeschaffenheit in Form landschaftlich einmalig schöner Dünen entlang der Westküste, die durch die vorgeschobene Lage bedingten besonderen klimatischen Verhältnisse, die im Meerwasser und Meeresschlick vorhandenen natürlichen ortsgebundenen Kurmittel, die starke Brandung, ein langer, feiner und steinfreier Strand, der hohe Salzgehalt des Meerwassers und der Luft sind in besonderem Maße geeignet, der Bäder- und Fremdenverkehrswirtschaft dienstbar gemacht zu werden.

Der Arzt Dr. Roß gründete und proklamierte das Seebad Westerland als H e i l b a d. Die in der Folgezeit auf dieser Grundlage stetige und organische Aufwärtsentwicklung beweist die Folgerichtigkeit dieser Wirtschaftsplanung.